European Union External Action

Die COVID-19-Pandemie und der Ausweg daraus: Denkanstöße mit Ricardo Hausmann

13/06/2021 - 21:22
From the blog

13/06/2021 – HR/VP Blog – Letzten Montag ist Professor Ricardo Hausmann von der Harvard Kennedy School unserer Einladung gefolgt und hat vor mehreren hundert EAD-Bediensteten einen Vortrag über die globale Dynamik der COVID-19-Pandemie und deren Bewältigung gehalten. Wir müssen uns unbedingt von den fortschrittlichen Philosophien inspirieren lassen, die Wissenschaft und Denkfabriken zu bieten haben.

„Trotz all unserer Schwierigkeiten stehen wir am Ende der COVID-19-Pandemie besser da als viele Länder in der Welt. Wenn wir uns mit diesen Ländern nicht solidarisch zeigen können, riskieren wir, die großen geopolitischen Spannungen noch zu verschärfen.“

Ich kenne und schätze Ricardo Hausmann schon lange. Anfang der 1990er Jahre war er Minister für Planung und Koordination in Venezuela und Vorstandsmitglied der Zentralbank dieses Landes, bevor er zum Chefökonom der Interamerikanischen Entwicklungsbank ernannt wurde und 2000 dann dem Ruf nach Harvard folgte.

Eine feste Größe auf der Weltbühne

Dank seines beruflichen Werdegangs an der Schnittstelle zwischen der nördlichen und der südlichen Hemisphäre verfügt er über eine wahrhaft globale Vision. Mittlerweile ist er eine feste Größe in Debatten auf der Weltbühne. In den letzten Monaten hat er sich intensiv mit der COVID-19-Pandemie und ihren Folgen für die Welt beschäftigt und sich in der öffentlichen Debatte über dieses Thema regelmäßig zu Wort gemeldet (externer Link).

Zu Beginn seines Vortrags wies Ricardo Hausmann auf die vielen Unbekannten im Zusammenhang mit der Entwicklung der Pandemie hin. Insbesondere die Länder, in denen die Pandemie bislang erfolgreich eingedämmt wurde, müssen unbedingt sehr wachsam bleiben, denn wenn sich die Krankheit nicht ausgebreitet hat, bedeutet dies, dass die Bevölkerung noch nicht immun ist.

„Insbesondere dort, wo die Pandemie bislang erfolgreich eingedämmt wurde, ist große Wachsamkeit vonnöten, denn solange die Menschen nicht geimpft sind, kann die Pandemie immer noch verheerend zuschlagen.“

Solange die Menschen nicht geimpft sind, kann die Pandemie immer noch verheerend zuschlagen. Indien beispielsweise hatte die erste Infektionswelle relativ gut unter Kontrolle, aber in den letzten Monaten kam es zu einer neuen Welle katastrophalen Ausmaßes. Das Gleiche gilt für Uruguay – 2020 war das Land noch ein Modell für die erfolgreiche Bewältigung der Pandemie, bevor die Infektionen in diesem Jahr spektakulär anstiegen. In diesem Zusammenhang stellte Ricardo Hausmann die Risiken für Afrika heraus, das bislang weniger stark betroffen ist als andere Kontinente. Da das Impfen aber nach wie vor nur schleppend vorankommt, ist die Gefahr auch in Afrika sehr groß – und das Gleiche gilt für weite Teile Asiens.

Ricardo Hausmann verwies auf den großen Unterschied zwischen Nord und Süd und betonte, dass dies ein hohes Risiko für die ganze Welt darstelle. Sowohl in wirtschaftlicher und sozialer Hinsicht, da Lieferketten unterbrochen werden, die Armut zurückkehrt und globale Ungleichheiten nicht weiter abgebaut werden, als auch in gesundheitlicher Hinsicht, da die Gefahr besteht, dass das Virus mutiert und Impfstoffe nicht mehr wirksam sind.

„Das Problem der globalen Impflücke wird für die Zukunft Europas und der Welt in den kommenden Monaten zweifellos von entscheidender Bedeutung sein.“

Als EU sind wir uns dieser Risiken bewusst, und wir haben begonnen, sie anzugehen. Das Thema stand auch im Mittelpunkt des letzten G7-Treffens in Cornwall. Es wird zweifellos für die Zukunft Europas und der Welt in den kommenden Monaten von entscheidender Bedeutung sein. Ricardo Hausmann empfiehlt, die Genehmigungsverfahren für Impfstoffe zu beschleunigen und die weltweite Produktionskapazität zu erhöhen, erforderlichenfalls durch Freigabe der Impfstoffpatente. Dieses Thema wird derzeit in der WTO erörtert, und die EU hat einen Vorschlag zur Förderung staatlicher Zwangslizenzen vorgelegt.

In Bezug auf die wirtschaftlichen Auswirkungen der Krise hob Ricardo Hausmann die Kluft zwischen den Industrieländern und China hervor, die die Krise wirtschaftlich nicht so sehr in Mitleidenschaft gezogen hat (obwohl die EU bislang stärker betroffen ist als die USA) wie viele Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen. Diese Länder haben schwer gelitten, weil sie vielfach harte Ausgangssperren verhängen mussten, ohne in gleichem Umfang auf Geld- und Fiskalpolitik setzen zu können wie die Industrieländer. Nun besteht die Gefahr, dass mit der wirtschaftlichen Erholung auch die Zinssätze steigen, so dass es für viele Entwicklungsländer noch schwieriger wird, Zugang zu globalen Finanzmitteln zu erhalten.

„Mit „Next Generation EU“ hat Europa einen Teil der Schulden infolge der Krise vergemeinschaftet, um die EU-Länder im Süden zu unterstützen, aber in der Welt wurde noch keine vergleichbare Solidarität mit bedürftigen Ländern gezeigt.“

Laut Ricardo Hausmann hat Europa mit „Next Generation EU“ einen Teil der Schulden infolge der Krise vergemeinschaftet, um die EU-Länder im Süden zu unterstützen, aber in der Welt wurde noch keine vergleichbare Solidarität mit bedürftigen Ländern gezeigt. Seiner Meinung nach müssten die weltweit verfügbaren öffentlichen Mittel massiv aufgestockt werden, und zwar weit über das hinaus, was der Internationale Währungsfonds derzeit vorsieht, und dies müsste mit Regeln einhergehen, die den erforderlichen haushaltspolitischen Spielraum für die Erholung der Entwicklungs- und Schwellenländer bieten. Damit handeln wir nicht nur moralisch richtig, sondern auch wirtschaftlich, denn dies könnte die wirtschaftliche Erholung in der ganzen Welt wirksamer unterstützen und fördern.

Bereichernde Denkanstöße

Kurz – Ricardo Hausmann hat mir und den Kolleginnen und Kollegen im EAD sehr bereichernde Denkanstöße gegeben, und ich möchte ihm herzlich für seine weisen Einblicke danken. Derartige Analysen aus der Wissenschaft liefern Fakten und Perspektiven, die in die Entscheidungen der politischen Entscheidungsträger einfließen können, auch wenn ihre Empfehlungen in der Praxis nicht immer leicht umzusetzen sind.

„Trotz all unserer Schwierigkeiten bewältigen wir diese Pandemie besser als viele Länder in der Welt. Aber wenn wir uns mit diesen Ländern nicht solidarisch zeigen können, riskieren wir, dass die globalen Ungleichheiten und die großen geopolitischen Spannungen noch zunehmen.“

Zusammen mit Michael Spence, Joseph Stiglitz und Jayati Ghosh (externer Link) hebt Ricardo Hausmann einen zentralen Punkt hervor, den wir in Europa alle berücksichtigen müssen: trotz all unserer Schwierigkeiten und der Tatsache, dass unser Kontinent im Vergleich mehr Todesfälle zu verzeichnen hat, stehen wir jetzt besser da als viele andere Länder in der Welt. Und wenn wir uns mit diesen Ländern nicht solidarisch zeigen können, was die Impfstoffe und auch die Finanzierung des Wiederaufbaus angeht, riskieren wir, dass die globalen Ungleichheiten und die großen geopolitischen Spannungen noch zunehmen.

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