European Union Delegation to Singapore

Bildung darf COVID-19 nicht zum Opfer fallen

29/09/2020 - 20:11
From the blog

29/09/2020 - In der vergangenen Woche haben Vizepräsidentin Dubravka Šuica und ich an einer gemeinsam mit der UNICEF organisierten Veranstaltung teilgenommen. Das Ziel war ein Hilferuf – ein „SOS“ an politische Entscheidungsträger auf der ganzen Welt, um sie aufzufordern, den Schulen bei ihren Planungen für die Wiederbelebung der Wirtschaft höchste Priorität einzuräumen. Ein Thema, das für unsere gemeinsame Zukunft entscheidend ist.

„Die Pandemie gefährdet die Fortschritte, die wir beim Zugang zu Bildung erzielt haben. Die EU wird sich weiterhin an vorderster Front für die weltweite Unterstützung der Bildung einsetzen, denn Bildung ist eine Grundlage für Gleichheit und Freiheit.“

Seit jeher halte ich Bildung für die Grundlage von Gleichheit und Freiheit sowie für das beste Mittel des sozialen Aufstiegs. Ich bin zutiefst überzeugt, dass das Thema Bildung in COVID-19-Zeiten für unser aller Zukunft zentral ist – in Industrie-, Schwellen- und Entwicklungsländern. Daher war es mir wichtig, an der Veranstaltung „S.O.S for Education“ teilzunehmen, die anlässlich der jährlichen Generalversammlung der Vereinten Nationen organisiert wurde.

 

 

Während der COVID-19-Lockdowns Anfang dieses Jahres blieben die Schulen für mehr als 90 % aller Schülerinnen und Schüler weltweit geschlossen – mindestens eines von drei Kindern war völlig von der Schulbildung abgeschnitten. Bis heute sind hunderte Millionen Schülerinnen und Schüler von Schulschließungen betroffen. Die Folgen für ihre Bildung, ihren Schutz und ihr Wohlergehen sind beträchtlich.

„Die Pandemie hat tiefgreifende Ungleichheiten beim Zugang zu Bildung und digitaler Konnektivität aufgezeigt und verschärft.“

Die Pandemie hat tiefgreifende Ungleichheiten beim Zugang zu Bildung, hochwertigem Lernen und vor allem zu digitaler Konnektivität aufgezeigt und verschärft. Dies gilt für Industrieländer, in denen die Schließung von Schulen und Universitäten deutlich gemacht hat, dass die digitale Kluft nach wie vor besteht: zwischen jenen, die sich Computer und Zugang zu schnellem Internet für die ganze Familie leisten können, und jenen, die lediglich Smartphones besitzen oder gar keinen Zugang haben. Zwischen jenen, die in großen Häusern mit Gärten leben, und jenen, deren Wohnungen klein sind.

„Die Pandemie könnte einen der positivsten Trends der letzten fünfzig Jahre infrage stellen: die großen Fortschritte, die wir beim Zugang zu Bildung erzielt haben.“

In Entwicklungsländern zeigen sich diese Ungleichheiten allerdings noch viel deutlicher. Wenn diese Probleme bestehen bleiben, ist die Zukunft einer ganzen Generation gefährdet. Das würde einen der positivsten Trends der letzten fünfzig Jahre infrage stellen: die großen Fortschritte, die wir beim Zugang zu Bildung erzielt haben.

 

 

Nach Angaben der Weltbank besuchten im Jahr 1970 in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen 68 % der Kinder die Grundschule, im Jahr 2018 waren es 89 %. Bemerkenswert ist, dass das Gefälle bei den Schulbesuchsquoten zwischen Mädchen und Jungen, das im Jahr 1970 noch 18 Prozentpunkte betrug, heute nur bei 3 Prozentpunkten liegt. Kein Gefälle gibt es ferner im Bereich der Sekundarschulen, und im Bereich der tertiären Bildung kehrt sich das Gefälle um: an den Universitäten in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen gibt es heute mehr Frauen als Männer.

In der Volkswirtschaft herrscht Konsens darüber, dass eine Steigerung des Bildungsniveaus eine unabdingbare Voraussetzung für den wirtschaftlichen Aufschwung eines Landes darstellt, wenn auch nicht die einzige. Zahlreiche Herausforderungen bleiben allerdings bestehen: Unterricht findet nicht selten unter schwierigen Bedingungen statt, und die Qualität des Unterrichts ist unzureichend. Bereits vor COVID-19 waren mehr als die Hälfte der Zehnjährigen in Ländern mit niedrigem oder mittlerem Einkommen nicht in der Lage, eine einfache Geschichte zu lesen. Und Millionen von Jugendlichen erwerben nicht die bereichsübergreifenden, digitalen und unternehmerischen Kompetenzen, mit denen sie für die Zukunft gerüstet wären. In vielen Ländern zeichnet sich zudem ein besorgniserregender Anstieg der Arbeitslosigkeit unter jungen Akademikern ab.

„Was in der Bildung in den letzten fünfzig Jahren erreicht worden ist, war ein enormer Beitrag zum weltweiten Abbau geschlechtsspezifischer Ungleichheit.“

Dennoch wird durch flächendeckenden Zugang zu Bildung die Schaffung demokratischer Gesellschaftsordnungen begünstigt, in denen die Menschenrechte geachtet und die Menschen auf eine aufgeklärte Bürgerschaft vorbereitet werden. Insbesondere werden Gesellschaften befähigt, auf die Stärkung der Stellung von Frauen und Mädchen hinzuarbeiten. Was in der Bildung in den letzten fünfzig Jahren erreicht worden ist, war ein enormer Beitrag zum weltweiten Abbau geschlechtsspezifischer Ungleichheit, auch wenn es noch viel zu tun gibt, nicht nur in den Entwicklungsländern.

Fortschritte bei der Bildung in Gefahr

Doch all das ist in Gefahr, wenn der Bildung bei den Planungen zur Wiederbelebung der Wirtschaft nicht Priorität eingeräumt wird. Kinder, denen Bildung vorenthalten wird, sind einem erhöhten Risiko der Ausbeutung, der Gewalt, des Missbrauchs und der Vernachlässigung ausgesetzt. Kinder aus Familien in Schwierigkeiten sind mit einer zweifachen Belastung konfrontiert: Sie versäumen ihre Bildung, und sie erleben nicht die Sicherheit, die die Schule bietet. Zudem steigt für Mädchen das Risiko einer Zwangsehe sowie einer frühen Schwangerschaft.

Wie immer bezahlen die Bedürftigsten den höchsten Preis: Kinder, die in Armut oder Konflikten leben, ethnischen Minderheiten angehören, Kinder mit Behinderungen und binnenvertriebene oder geflüchtete Kinder. Wenn Schulen geschlossen bleiben, werden diese Kinder noch stärker benachteiligt, und sie bleiben noch weiter hinter Gleichaltrigen zurück.

Aus aktuellen Daten geht hervor, dass weitere 150 Millionen Kinder aufgrund von COVID-19 in Armut gestürzt werden könnten. Nach Schätzungen der Weltbank vom Juli betragen die weltweiten Einkommensverluste aufgrund bereits versäumter Schulzeit von Kindern 10 Billionen Dollar; das macht deutlich, dass wirtschaftliche Verluste weit über den Bereich der eigenen Familie hinausgehen.

„Regierungen auf der ganzen Welt müssen den Kindern Vorrang einräumen, wenn es darum geht, Entscheidungen über die Wiedereröffnung und die Finanzierung zu treffen.“

Regierungen auf der ganzen Welt müssen den Kindern als den künftigen Erwerbstätigen einer jeden Gesellschaft Vorrang einräumen, wenn es darum geht, Entscheidungen über die Wiedereröffnung und die Finanzierung der Bildung zu treffen. Das Ziel der gemeinsam mit der UNICEF organisierten Veranstaltung bestand darin, zur Verbreitung dieser Idee beizutragen.   

 


Die Europäische Union an vorderster Front für die weltweite Unterstützung der Bildung

Die Europäische Union hat sich bisher an vorderster Front für die weltweite Unterstützung der Bildung eingesetzt, und sie wird das weiterhin tun. Sie ist auch der führende internationale Geber für die Unterstützung von Kindern. Mit den 36 Milliarden € der Initiative „Team Europa“ unterstützen die EU und ihre Mitgliedstaaten unsere externen Partner im Kampf gegen COVID-19 und die sozioökonomischen Folgen der Pandemie. Ein erheblicher Teil dieser Bemühungen kommt Kindern und Schulen zugute. Mit unserer künftigen umfassenden Strategie für die Rechte des Kindes und mit der Kindergarantie wollen wir auch unsere Unterstützung für die digitale Bildung und für den Schutz der bedürftigsten Kinder verstärken.

Ich werde sehr darauf bedacht sein, dass der Bildung in allen außenpolitischen Maßnahmen der EU weiterhin hohe Priorität zukommt und dass wir dazu beitragen, dass alle Kinder einen gleichberechtigten Start ins Leben haben. Auch in diesen schwierigen COVID-19-Zeiten.

 

 

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