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Wie COVID-19 die Welt verändert

14/10/2020 - 10:21
From the blog

14/10/2020 - Blog des Hohen Vertreters und Vizepräsidenten Josep Borrell – In Krisenzeiten konzentrieren wir uns natürlich eher auf unsere eigenen Probleme. Zurück aus Afrika möchte ich hervorheben, wie sehr COVID-19 die gesamte Weltwirtschaft verändert. Ein Blick um die ganze Welt zeigt, wie sich die Pandemie auf das Gefüge von Wohlstand und Macht auswirkt.

„Welche Rolle Europa künftig in der Welt spielen wird, hängt davon ab, ob wir diese Krise – bei uns und anderswo – erfolgreich bewältigen können."

COVID-19 hat die schwerste und umfassendste globale Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg ausgelöst. Die fortgeschrittenen Volkswirtschaften, insbesondere in Europa, sind stark in Mitleidenschaft gezogen, aber viele Entwicklungs- und Schwellenländer machen wirtschaftlich ebenfalls äußerst schwere Zeiten durch. Der Welt drohen noch größere Ungleichheit und ein bedeutender Rückschlag in der Armutsbekämpfung.

 

 

„Viele Entwicklungs- und Schwellenländer machen äußerst schwere Zeiten durch. Der Welt drohen noch größere Ungleichheit und ein bedeutender Rückschlag bei der Armutsbekämpfung.“

 

Die Epidemie nahm ihren Anfang in China, dem es aber als erstem Land auch gelang, COVID-19 einzudämmen. Laut OECD ist China voraussichtlich das einzige G20-Land, das in diesem Jahr keine Rezession verzeichnen wird. Aber sein Wachstum wird auf dem niedrigsten Stand seit dem Ende der Mao-Ära im Jahr 1976 sein.

Dieser relative Erfolg ist der Hauptgrund für das zunehmende Selbstbewusstsein, das die chinesische Führung an den Tag legt. Allerdings steht der verstärkte Autoritarismus in immer größerem Kontrast zur Entwicklung der chinesischen Gesellschaft, und dies nicht nur in Hongkong. Die Konzentration der Macht in den Händen von Staatspräsident Xi Jinping lässt Zweifel an der Gewaltenteilung in China aufkommen, der das Land sein Aufblühen in den letzten 40 Jahren zu verdanken hat. Die chinesische Wirtschaft leidet zudem stark unter dem Handelskrieg mit den Vereinigten Staaten. Es ist vor allem fraglich, ob das Land seine Hightech-Entwicklung weiter verfolgen kann, wenn es keinen Zugang zu US-amerikanischer Technologie mehr hat.

China dürfte nicht länger vor Finanzkrisen gefeit sein

In China ist die öffentliche und private Verschuldung im letzten Jahrzehnt sehr stark gestiegen und hat in der derzeitigen Krise noch einmal massiv zugenommen. Künftig dürfte auch China nicht länger vor den Finanzkrisen gefeit sein, die westliche Volkswirtschaften regelmäßig ereilen.

Und auch Chinas Bevölkerung altert immer schneller. Dies ist eine enorme Herausforderung für ein Land, in dem das System der sozialen Sicherheit immer noch in den Kinderschuhen steckt. Zudem muss das Land die Umweltschäden angehen, die im Laufe der Jahre entstanden sind und durch den Klimawandel verschärft werden, der für China schwer zu Buche schlagen dürfte.

 

 

Japan und Korea haben die Epidemie bisher gut im Griff. Allerdings werden auch sie dieses Jahr wegen rückläufiger Exporte und Unterbrechungen in den Lieferketten wahrscheinlich in eine Rezession abgleiten. In Japan dürfte sich die öffentliche Verschuldung 250 % des BIP annähern, dem höchsten Wert aller entwickelten Volkswirtschaften.

Indien und Südasien schwer getroffen

Südasien ist schwer getroffen. Indien hatte die drastischsten Ausgangssperren der Welt verhängt. Die Aufhebung dieser Sperren hatte ein Wiederaufflammen der Epidemie zur Folge, und inzwischen sind mehr als 100 000 Menschen gestorben, auch wenn sich die Mortalität bezogen auf die Gesamtbevölkerung nach wie vor in Grenzen hält.

Wirtschaftlich dürfte Indien eines der am stärksten betroffenen G20-Länder sein und sein BIP in diesem Jahr um 10,2 % zurückgehen. Die Folgen des harten Lockdowns konnten, anders als in Europa, nicht durch eine massive Erhöhung der öffentlichen Ausgaben aufgefangen werden.

 

 

„Wegen COVID-19 droht ein massiver Anstieg von Armut: in einigen Teilen der Welt wird die Pandemie wahrscheinlich zu mehr Todesfällen durch Verhungern führen als durch die Krankheit selbst.“

 

Wegen COVID-19 droht – in Umkehrung des Trends der letzten Jahre – ein massiver Anstieg von Armut: in einigen Teilen der Welt werden mehr Menschen wegen der Auswirkungen der Pandemie verhungern, als an der Krankheit selbst zu sterben.“

Nach Aussagen der Weltbank wird das Einkommen von 50 Mio. Menschen in Südasien unter 1,90 US-Dollar pro Tag, den Schwellenwert für extreme Armut, sinken. Das aussetzende Wirtschaftswachstum in Südasien wird die Spannungen zwischen Indien und anderen Ländern in der Region sehr wahrscheinlich verstärken.

USA wirtschaftlich weniger stark betroffen als Europa

Unter den Industrienationen haben die USA zurzeit die höchste Zahl an COVID-19-Opfern zu verzeichnen. Die Sterblichkeit ist höher als in der Europäischen Union. Dennoch wird die US-amerikanische Wirtschaft in diesem Jahr wahrscheinlich weniger schrumpfen und das BIP nur um 3,8 % zurückgehen (im Vergleich zu 7,9 % im Euro-Währungsgebiet).

Die Reaktion der US-Regierung auf die Gesundheitskrise war zwar größtenteils unzulänglich, aber es wurden entschlossene wirtschaftliche Abhilfemaßnahmen ergriffen mit einer öffentlichen Verschuldung von 16,8 % des BIP (im Vergleich zu 10,9 % in Europa). Die Krise hat auch die Vormachtstellung der US-Digitalindustrie weiter gestärkt.

 

„In den USA werden die Auswirkungen dieser Krise wahrscheinlich länger anhalten als jene früherer Krisen, und der Glaube an den US-Dollar und das öffentliche Defizit könnte erschüttert werden.“

 

Allerdings werden die Auswirkungen dieser Krise wahrscheinlich länger anhalten als jene früherer Krisen, und letztlich könnte auch der Glaube an den US-Dollar und das öffentliche Defizit erschüttert werden. Diese Probleme kommen erschwerend zu den internen Spannungen hinzu, die sich zur Hauptschwäche der Vereinigten Staaten auswachsen könnten.

Unabhängig davon, wer die Wahlen in den USA gewinnt, werden die ursächlichen Trends wahrscheinlich anhalten – sei es der Konkurrenzkampf mit China oder der zunehmende Rückzug in die Innenpolitik. Die fahrlässige Reaktion auf die Epidemie dürfte den Niedergang der US-Führung ebenfalls beschleunigt haben.

Lateinamerika – das neue Epizentrum der Pandemie

Weiter südlich wurde Lateinamerika mit 11 der 20 schwerstgetroffenen Länder im Sommer zum Epizentrum der Pandemie. Von den G20 gehören auch Mexiko, Argentinien und Brasilien zu den Ländern, deren Wirtschaft am stärksten in Mitleidenschaft gezogen wird.

Brasiliens öffentliches Defizit ist auf 15,1 % des BIP gestiegen und steht damit hinter jenem der USA an zweiter Stelle unter den G20. Und Argentinien war zum dritten Mal in 18 Jahren zahlungsunfähig. Auch in diesen Ländern verschärft COVID-19 soziale und politische Spannungen. 

In Afrika sind die düsteren Prognosen über die gesundheitlichen Aspekte der Pandemie bisher nicht eingetreten. Dies ist sowohl auf das junge Durchschnittsalter der Bevölkerung zurückzuführen als auch auf seine COVID-19-Maßnahmen, die sich auf die Erfahrungen mit der Ebola-Epidemie stützen. Aber die afrikanische Wirtschaft steht dennoch unter großem Druck. Afrika leidet vor allem in der Landwirtschaft unter den Auswirkungen der Gesundheitsmaßnahmen sowie und unter den rückläufigen Rohstoffausfuhren, dem des Tourismus und dem Knick in den Heimatüberweisungen von Emigranten.

Erste Rezession südlich der Sahara seit 25 Jahren

Der Internationale Währungsfonds prognostiziert eine Rezession von 3 % in Subsahara-Afrika – die erste seit 25 Jahren. Südafrika ist voraussichtlich das am stärksten betroffene G20-Land im Jahr 2020. In Afrika werden noch ca. 30 Millionen mehr Menschen unter die Armutsgrenze rutschen und weniger als 1,90 US-Dollar pro Tag verdienen.

Europa ist sowohl gesundheitlich als auch wirtschaftlich eine der am stärksten betroffenen Regionen der Welt. Der Rückgang des BIP dürfte doppelt so hoch sein wie in den USA. Eine tiefere Rezession als in Japan oder Korea, ganz zu schweigen von China.

Pandemie in Europa bei Weitem noch nicht vorbei

Im Sommer hatten wir oft den Eindruck, dass die Pandemie in Europa fast überwunden war, aber jetzt stellt sich heraus, dass wir noch weit davon entfernt sind. Die Ressourcen sind begrenzt, und es ist eine schwierige Gratwanderung zwischen Gesundheitsbeschränkungen einerseits und ihren Auswirkungen auf die Wirtschaftstätigkeit andererseits. Dies führt zu politischen Spannungen zwischen Regierungen auf verschiedenen Ebenen, und eine europäische Koordinierung ist notwendiger denn je.

 

„Während der Krise hat sich herausgestellt, wie stark Europa zum einen wegen seiner Deindustrialisierung von China und zum anderen in der digitalen Wirtschaft von den USA abhängig ist.“

 

Anfänglich konnten die Arbeitsplätze und Einkommen der meisten Europäerinnen und Europäer durch Kurzarbeit erhalten werden. Aber dies löst nicht das Problem der erforderlichen strukturellen Anpassungen in Sektoren, die wahrscheinlich die Lage vor der Krise nicht wieder erreichen werden. Die Krise hat auch gezeigt, wie stark Europa wegen seiner Deindustrialisierung von China abhängig ist und wie sehr wir hinter den USA hinterherhinken in einer digitalen Wirtschaft, die nach der Krise noch mehr an Bedeutung gewinnen wird. Zum BIP-Rückgang in Europa kommen noch große interne Ungleichheiten hinzu.

Aus all diesen Gründen müssen wir unbedingt unser Bestes geben, um unsere Wirtschaft wieder anzukurbeln. Im Juli hat der Rat den Aufbauplan NextGenerationEU angenommen, den wir jetzt unverzüglich umsetzen müssen. Mit den vielen hundert Milliarden Euro müssen wir unsere Gesellschaften für den grünen Wandel und die digitale Revolution rüsten und gleichzeitig die innereuropäischen Unterschiede durch finanzielle Unterstützung für die am stärksten getroffenen Länder ausgleichen.

 

„Mit NextGenerationEU müssen wir unser Bestes geben für den grünen Wandel und die digitale Revolution und gleichzeitig die innereuropäischen Unterschiede durch finanzielle Unterstützung für die am stärksten getroffenen Länder ausgleichen.“

 

Trotz all unserer internen Probleme müssen wir uns aber auch stärker darum bemühen, die Entwicklungs- und Schwellenländer zu unterstützen. Wir müssen unseren Partnern zuerst in gesundheitlicher Hinsicht helfen, weil wir alle weiterhin in Gefahr sind, solange das Virus nicht überall ausgemerzt ist. Von zentraler Bedeutung ist vor allem die Frage der Verfügbarkeit von Impfstoffen für Entwicklungsländer. Aus diesem Grund engagieren wir uns sehr in der internationalen COVAX-Initiative.

Unterstützung von Entwicklungs- und Schwellenländern ist ein Muss

Aber wir müssen auch in wirtschaftlicher Hinsicht helfen. In dieser Woche haben die G20-Länder die Initiative zur Aussetzung des Schuldendienstes, die im Frühjahr zugunsten von 73 Ländern gestartet wurde, um sechs Monate im Jahr 2021 verlängert. Aber dies reicht natürlich nicht aus. Wegen der verheerenden Folgen der COVID-19-Pandemie steht das Thema Umschuldung wieder auf der Tagesordnung, wie die G7-Finanzminister im September eingeräumt haben. Wir werden darauf drängen, um sämtliche einschlägige Akteure und vor allem China mit ins Boot zu holen.

 

„Ich bin fest davon überzeugt, dass die künftige Stellung Europas in der Welt davon abhängt, ob wir bei der Bekämpfung dieser Krise – bei uns und anderswo – mit Erfolg vorangehen.“

 

Dass wir unsere Hilfe für Entwicklungsländer aufstocken können, ist besonders wichtig im Falle Afrikas, das für unsere Zukunft von strategischer Bedeutung ist. Ein afrikanischer Staatschef erklärte mir dieses Jahr: „Sie haben gesagt, Sie wollten unser bester Partner sein. Nun können Sie das unter Beweis stellen.“

Ich bin fest davon überzeugt, dass die künftige Stellung Europas in der Welt davon abhängt, ob wir bei der Bekämpfung dieser Krise – bei uns und anderswo – mit Erfolg vorangehen.

 

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